Sein Gedichtband Lebenslänglich auf Raten, der 1969 im Luchterhand Verlag erschien, macht den in Heilbronn geborenen Lyriker Ernst S. Steffen überregional bekannt. Er gilt heute noch als einer der bedeutendsten „Gefängnisschriftsteller“ der Nachkriegsliteratur.
Aus einfachsten Verhältnissen stammend, schon in jungen Jahren in Heimen untergebracht, muss Steffen wegen zahlreicher Einbruchs- und Diebstahldelikte 13 Jahre seines Lebens im Gefängnis verbringen. Dort beginnt Steffen zu schreiben. Seine offensiven, authentischen Texte, deren hohe literarische Qualität unverkennbar ist, eröffnen ihm Kontakte zu vielen anerkannten Nachkriegsautoren. So stellt unter anderen Günter Grass ein Gnadengesuch für ihn.
Der herausfordernde Duktus seiner Lyrik veranlasst einen Kritiker zu der Aussage: „Hier wurde kein Thema gewählt, hier spricht das Thema selbst“. Der eindringliche Ton, die Unmittelbarkeit seiner Texte verleihen seinem Werk den besonderen Rang und unterscheiden sich deutlich von der Arbeiter- und Dokumentarliteratur, die Ende der 60er Jahre den Literaturbegriff erweitert. Seine lyrischen Wendungen, mit denen er sein Gefangensein beschreibt, sind einfühlsam und überraschend zugleich:
Ich vermute, ich bin nur provisorisch gemeint; irgendwann wird man mich zu Ende denken und dann bekomme ich diese Jahre zurück.
Nach seiner Entlassung im Dezember 1967 gestaltet sich die Suche nach einem Arbeitsplatz zum fast aussichtslosen Unterfangen. Auch die Ausbildung zum Schriftsetzer, die er in der Strafanstalt absolviert hat, hilft ihm nicht weiter. Schließlich arbeitet er als Volontär beim Saarländischen Rundfunk. Dort wird auch sein Hörspiel Die Flucht produziert. Weitere Hörspiele entstehen für den Südwestfunk: Autokardiogramm, Der Vertrauensbruch und Das Feuer. Doch die Einnahmen aus den Buchverkäufen und Hörspielproduktionen werden sofort wieder gepfändet, eine Nachwirkung alter Verfahren.
Sein zweites Buch, der dokumentarische Prosatext Rattenjagd - Aufzeichnungen aus dem Zuchthaus bezeichnet der Autor programmatisch als Nicht-Literatur: „Die hier ist keine Literatur und soll auch keine sein. Ich spreche. Aber weil ich nicht unmittelbar mit Euch sprechen kann, schreibe ich das Sprechen.“
Das Erscheinen seines zweiten gedruckten Werkes erlebt Ernst S. Steffen nicht mehr. Er kommt im Dezember 1970 bei einem Autounfall in Baden-Baden ums Leben.
Vortrag von Rosemarie Bronikowski über Ernst S. Steffen, gehalten am 23.06.2006 in der Stadtbibliothek Heilbronn
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